Die jüngsten Energiekrisen und geopolitischen Spannungen haben deutlich gemacht, wie stark Europa nach wie vor von importierten fossilen Brennstoffen abhängig ist und damit anfällig für Preisschwankungen und Versorgungsengpässe bleibt. Europa verfügt bereits über ausreichende Ressourcen an erneuerbarer und zurückgewonnener Wärme, um einen wesentlich grösseren Anteil seines Heizbedarfs zu dekarbonisieren.
Fernwärme und -kälte eignen sich besonders gut für diese Herausforderung, da sie lokale erneuerbare und zurückgewonnene Wärmequellen bündeln und optimieren kann, wodurch die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen verringert und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit lokaler Energiesysteme gestärkt wird. Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, Städte und Versorgungsunternehmen dabei zu unterstützen, diese Ressourcen zu identifizieren, sie an die Verbraucher anzubinden und in die Fernwärme- und -kälteinfrastruktur zu investieren, die erforderlich ist, um sie effizient und in grossem Massstab zu nutzen.
Wärme und Kälte noch längst nicht dekarbonisiert
Komfortwärme und Kühlung sind nach wie vor der blinde Fleck der europäischen Energiewende. Rund zwei Drittel des in der Europäischen Union verbrauchten fossilen Gases werden zur Erzeugung von Wärme oder Kälte in Gebäuden und in der Industrie genutzt. Dennoch deckten erneuerbare Energien im Jahr 2024 laut Eurostat nur 27,4% des Endenergieverbrauchs für Heizung und Kühlung ab, während es beim Strom bereits fast die Hälfte war.
Thermische Netze schneiden bereits besser ab. Der Anteil erneuerbarer Energiequellen und Abwärme in europäischen Fernwärmesystemen hat im Jahr 2024 mit 46,2% einen neuen Höchststand erreicht und damit erstmals fossile Brennstoffe überholt (Abb. 1).
Von 2023 bis 2024 stieg der Anteil erneuerbarer Energiequellen und Abwärme um 2,8% gemessen am Volumen, was dem Ziel der Europäischen Union entspricht, den Anteil nachhaltiger Wärme in Fernwärmesystemen zu erhöhen.
Wachsende Energieinfrastruktur
Fernwärmenetze breiten sich in ganz Europa weiter aus. Laut dem «DHC Market Outlook 2026» von Euroheat & Power gibt es in Europa rund 16 000 Fernwärmenetze, die im Jahr 2024 fast 500 TWh Wärme lieferten. Ihre Verteilungsnetze erstrecken sich mittlerweile über 203 551 Kilometer, was einem Anstieg von 1,8% im Jahr 2024 gegenüber dem Vorjahr und von 9,5% zwischen 2019 und 2024 entspricht.
Dieses Wachstum geht mit einem umfassenderen Wandel einher (Abb. 2). Die Netze wenden sich von fossilen Brennstoffen ab, diversifizieren ihre Wärmequellen und werden enger in das Stromnetz integriert.
Technisches Potenzial ist riesig
Die Studie «Heat Roadmap Europe 5» (HRE5) der Universität Aalborg schätzte das Potenzial der Fernwärme im Kontext eines vollständig dekarbonisierten Energiesektors im Einklang mit dem von der Europäischen Union festgelegten Netto-Null-Ziel bis zum Jahr 2050. Es wurde ein grosses technisches Potenzial für erneuerbare und dekarbonisierte Abwärme von 3112 TWh/Jahr ermittelt, was fast dem Doppelten des Wärmebedarfs (Raumheizung und Warmwasserbereitung) von Gebäuden bis 2050 entspricht.
Das Potenzial umfasst lokale Ressourcen wie geothermische und solarthermische Energie, nachhaltige Bioenergie sowie zurückgewonnene Wärme aus der Industrie, Rechenzentren, der Abwasserbehandlung und anderen städtischen Aktivitäten.
Diese Schätzung bezieht sich auf das Gesamtpotenzial. In der Praxis kann jedoch nur ein Bruchteil dieses Potenzials genutzt werden. So ist beispielsweise industrielle Abwärme zwar weit verbreitet, steht aber nicht unbedingt in der Nähe der städtischen Nachfragemärkte zur Verfügung. Einige der Quellen sind zwar kontinuierlich verfügbar, der Wärmebedarf ist jedoch zeitlich begrenzt und variiert je nach Jahreszeit. Nach einer Filterung anhand geografischer, zeitlicher und wirtschaftlicher Kriterien beträgt der Anteil des Potenzials, der bis 2050 von Fernwärmenetzen direkt genutzt werden kann, 700 TWh.
Zusammen mit der Elektrifizierung können diese Ressourcen einen diversifizierten und fossilfreien Fernwärmemix untermauern. Laut HRE5 könnten grosse Wärmepumpen bis 2050 rund 36% der Fernwärmeerzeugung decken, ergänzt durch Elektroheizkessel mit einem Anteil von etwa 3%. Dieser Wandel ist bereits im Gange. Abbildung 3 zeigt die prognostizierte Entwicklung des Energieträgermixes für die Fernwärme bis 2050.
Grosswärmepumpen
Laut dem «DHC Market Outlook 2026» stieg die installierte Leistung grosser Wärmepumpen im Jahr 2024 in den untersuchten Ländern um 19,6%, während die von Elektroheizkesseln gelieferte Wärme um 26% zunahm. Diese Technologien ermöglichen es Fernwärmesystemen zunehmend, den Wärme- und den Stromsektor miteinander zu verbinden und erneuerbare Energien in grossem Massstab zu nutzen.
Wärmerückgewinnung könnte eine ebenso wichtige Rolle spielen und bis 2050 rund 34% des Fernwärmemixes ausmachen, darunter dekarbonisierte Industriewärme sowie Niedertemperaturquellen wie Rechenzentren, Abwasser, Supermärkte und U-Bahn-Systeme. Dieser Wandel ist auf dem Markt bereits sichtbar: Der «Market Outlook» von EHP berichtete, dass im Jahr 2024 aus industriellen und tertiären Aktivitäten zurückgewonnene Abwärme 11,1 TWh in europäische Fernwärmenetze einspeiste – ein Anstieg des Volumens um 5% innerhalb eines Jahres.
Geothermie
Geothermie könnte zudem zur führenden erneuerbaren Wärmequelle werden, die direkt in Netze eingespeist wird, und laut der oben erwähnten HRE5-Studie der Universität Aalborg bis 2050 neben nachhaltiger Bioenergie und Solarthermie rund 8% des Mixes liefern. Auch hier schreitet der Ausbau zügig voran: Die Tiefengeothermie lieferte im Jahr 2024 über 14 TWh Fernwärme (2,9% der gesamten europäischen Fernwärmeversorgung) und verzeichnete im Vergleich zu 2023 einen Anstieg des Volumens um 16%.
Investitionen im Infrastrukturmassstab
Um das in der HRE5-Studie dargelegte Potenzial auszuschöpfen, muss der Anteil der Fernwärme am EU-Wärmemarkt von derzeit etwa 13% auf rund 20% im Jahr 2030, auf 33% im Jahr 2040 und auf 55% im Jahr 2050 steigen. Der modellierte Entwicklungspfad entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa 7% bis 2030, gefolgt von einem jährlichen Anstieg von 5% im Zeitraum 2030–2050. Diese Wachstumsraten sind ambitioniert, aber nicht beispiellos: Vergleichbare Ausbaustufen wurden bereits in Märkten wie Frankreich und Deutschland erreicht.
Die HRE5-Studie schätzt, dass bis 2050 1,16 Billionen Euro für Fernwärmenetze in der EU benötigt werden, einschliesslich der Modernisierung von Netzen. Zusätzliche Investitionen in die Erzeugung von Wärme aus erneuerbaren Energien und aus Wärmerückgewinnung, in grosse Wärmepumpen, in Wärmespeicher und in Kundenanschlüsse werden erforderlich sein.
Zusätzlich werden Investitionen in die Gebäudesanierung eine entscheidende Rolle spielen, da energieeffiziente Gebäude mit niedrigeren Vorlauftemperaturen betrieben werden können und so die Netzwerke effektiver machen. HRE5 schätzt, dass das Tempo der Gebäudesanierung beschleunigt werden muss und beziffert den Investitionsbedarf auf fast 2 Billionen Euro (bis 2050).
Synergien schaffen lohnt sich
Das Ausmass dieser hohen Investitionen ist im Kontext des allgemeinen Wandels im Energiesektor zu sehen. Eine wichtige Erkenntnis der Studie sind die geringeren Kosten einer auf Wärmeinfrastruktur basierenden Energiewende im Vergleich zu einer Energiewende, die ausschliesslich auf Einzellösungen setzt. Fernwärme erschliesst Wärmequellen, auf die Einzellösungen in grossem Massstab keinen Zugriff haben, und schafft starke Synergien zwischen Strom, Industrie und Wärme. Infolgedessen schätzt HRE5 eine Senkung der Gesamtsystemkosten (einschliesslich aller Sektoren) um 2,5 bis 3% und der Gesamtkosten für die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung um 10 bis 20% bis zum Jahr 2050.
Ressourcen sind vorhanden
In Europa mangelt es nicht an erneuerbarer oder zurückgewonnener Wärme. Die Herausforderung besteht darin, zu ermitteln, wo lokale Ressourcen für saubere Wärme verfügbar sind, diese durch den Aufbau der Infrastruktur mit dem Bedarf zu verknüpfen und Investitionsbedingungen zu schaffen, um das technische Potenzial in konkrete Projekte umzusetzen.
Die EU unternimmt Schritte in diese Richtung und unterstützt das Wachstum und die Dekarbonisierung von Fernwärme und -kälte. Die Europäische Kommission hat im Juli 2026 einen Aktionsplan zur Elektrifizierung verabschiedet, der Fernwärme und -kälte, grosse Wärmepumpen, Elektroheizkessel und Wärmespeicher als Teil eines flexiblen und integrierten Energiesystems anerkennt. Gleichzeitig setzt sie sich zum Ziel, dass Fernwärme- und -kältenetze bis 2030 jährlich um 6 bis 7% wachsen. Überdies soll der bevorstehende EU-Aktionsplan für Kühlung und Heizung die vorhin genannten Elemente in einem kohärenten Rahmen für eine saubere Wärmeinfrastruktur zusammenführen.
* Pauline Lucas ist Policy Director, Eloi Piel, Market Intelligence Director, beide beim Verband Euroheat (Brüssel).
