Mit steigenden Temperaturen wächst der Bedarf an nachhaltiger Gebäudekühlung rasant. Thermische Netze etablieren sich dabei als effiziente Alternative zu klassischen Klimaanlagen und gewinnen strategisch an Bedeutung für die Energiewende. Im März fand das IGE-Seminar an der HSLU statt – Schwerpunkt dieses Jahr war das Thema «Thermische Netze und Kühlen.»
Redaktionelle Bearbeitung: Phase5
Mit dem Klimawandel verschiebt sich der Fokus in der Gebäudetechnik deutlich. Während der Heizbedarf sinkt, steigt der Bedarf an Kühlung insbesondere in dicht bebauten Städten stark an. Thermische Netze bieten hier einen systemischen Ansatz: Sie transportieren über Rohrleitungen kaltes Wasser aus natürlichen Quellen wie Seen oder Flüssen und versorgen damit Gebäude effizient mit Kälte. Im Winter lässt sich dieselbe Infrastruktur für Fernwärme nutzen.
Diese Doppelnutzung erhöht die Auslastung der Systeme und verbessert deren Wirtschaftlichkeit.
«Klotzen statt kleckern» bei der Kälteplanung
Die strategische Bedeutung solcher Netze unterstrich Andreas Hurni von Thermische Netze Schweiz. Der Kältebedarf werde bis 2050 massiv steigen, weshalb gross dimensionierte Lösungen notwendig seien. Gleichzeitig empfiehlt sich die enge Verzahnung mit dem Ausbau der Fernwärme, um Synergien bei Infrastruktur und Betrieb zu nutzen.
Praxisbeispiele aus Zug, Wien und Zürich
Dass thermische Netze funktionieren, zeigen konkrete Projekte:
- Zug (Circulago): Seit mehreren Jahren in Betrieb und liefert Erkenntnisse aus der Praxis. Die Planung von Kälte erweist sich dabei als komplexer als jene von Wärme, da die Zusammenhänge mit Klimadaten weniger eindeutig sind.
- Wien: Eines der grössten Fernkältenetze Europas nutzt Donauwasser und eignet sich auch für denkmalgeschützte Gebäude.
- Zürich (CoolCity): Ein Grossprojekt mit Investitionen von über 300 Millionen Franken. Ab 2032 soll Seewasser zahlreiche Gebäude mit erneuerbarer Energie versorgen.
Diese Beispiele zeigen: Die Technologie ist marktreif, der Ausbau läuft.
Mikroklima wird planbar
Parallel zur Infrastruktur gewinnt die Planung auf Quartiersebene an Bedeutung. Neue Werkzeuge wie das Revit-Add-in QKM ermöglichen es, mikroklimatische Effekte von Stadtplanung zu simulieren und zu quantifizieren. Faktoren wie Verschattung, Wasserhaushalt oder Materialisierung lassen sich damit schneller analysieren als mit bisherigen Methoden.
Ergänzend dazu zeigen Projekte wie der Koch-Park in Zürich, wie gezielte Massnahmen zur Entsiegelung, Begrünung und Regenwassernutzung lokale Hitze reduzieren können.
Forschung treibt Systemintegration voran
Auch die Forschung arbeitet an zentralen Hebeln der Effizienz:
- Saisonale Energiespeicher ermöglichen flexible Temperaturniveaus und passen sich dynamisch an Lastprofile an.
- Optimierte Holzfeuerungen nutzen Abwärme durch Rauchgaskondensation und Absorptions-Wärmepumpen deutlich besser.
Solche Ansätze stärken die Kopplung von Wärme- und Kältesystemen und erhöhen die Gesamteffizienz.
Der Mensch als Faktor der Kühlung
Neben Technik spielt auch der Mensch eine Rolle. Studien zeigen, dass die empfundene Wohlfühltemperatur variiert: Während klassische Bürotemperaturen von 21–22 °C häufig auf männliche Bedürfnisse ausgelegt sind, steigt die Produktivität von Frauen bei höheren Temperaturen von 26–27 °C.
Diese Erkenntnisse werfen neue Fragen zur optimalen Betriebsstrategie von Kühlsystemen auf.
Fazit
Thermische Netze entwickeln sich zu einer tragenden Säule der urbanen Energieversorgung. Ihr Potenzial liegt nicht nur in der effizienten Kühlung, sondern in der intelligenten Verknüpfung von Wärme, Kälte und Speicherung. Gleichzeitig zeigt sich: Technologische Lösungen allein reichen nicht aus. Erst im Zusammenspiel mit Stadtplanung, Digitalisierung und Nutzerverhalten entsteht ein resilienter Ansatz für die klimaneutrale Stadt.
Die Kombination aus Fernwärme, Fernkälte und Speichern eröffnet neue Geschäftsmodelle und verbessert die Anlagenauslastung.
Impressum
Textquelle: HSLU
Bildquelle: HSLU
Bearbeitung durch: Redaktion Phase 5
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